Schon fast hätte ich die Aussicht auf ein Weltcup-Abenteuer im Jahr 2020 begraben. Nachdem viele Weltcups abgesagt wurden und Tschechien ein paar Tage zuvor in der Schweiz auf die Liste der COVID-19-Risikoländer gesetzt wurde, schien es mir nicht mehr sehr realistisch, dass ich in Nové Město na Moravě an den Start gehen könnte. Ich versuchte jedoch alles daran zu setzen und organisierte eine Bewilligung, dass ich von der Quarantäne -Pflicht ausgenommen nach Tschechien aus- und wieder in die Schweiz einreisen kann. Dazu musste ich ein privates Schutzkonzept erstellen. Zudem war es unter diesen Umständen schwierig, eine Betreuungsperson zu finden. Zum Glück konnte mein Bruder kurzfristig ein paar Tage unbezahlt Urlaub nehmen.
Am Montag machten wir uns mit einem vollgepackten Auto auf die Reise nach Tschechien. Die Wetteraussichten waren für die gesamte Woche tendenziell kühl und regnerisch. Auf der Hinfahrt war mit Dauerregen zu rechnen. Tatsächlich wurde der Himmel in Richtung Tschechien immer dunkler und war kurz nach der Überquerung der Grenze sehr düster, es regnete. Nach 9.5h hatten wir das Ziel erreicht.
Aufgrund der Temperaturen und des Wetters beklagte sich mein Bruder – nicht ganz ernst gemeint – bereits, weshalb der Weltcup eigentlich nicht im Süden (z.B. Italien oder Südfrankreich) stattfinden würde, wo es sicherlich etwas wärmer wäre. Dort wäre die Kulinarik bestimmt auch besonders gut. Doch etwas auf seine Kosten kam er auch noch: Denn es gab «Gipfeli» zum Morgenessen, wenn auch tschechische, welche überhaupt nicht mit den französischen «Verwandten» zu vergleichen sind – ein Semmel in etwas zu schmaler Gipfeli-Form! Im Supermarkt für umgerechnete 6 Rappen (!) zu erwerben, schmecken sie ungefähr nach so viel, wie sie kosten.
Am Dienstag stellte sich bei der Abholung der Startnummer bereits heraus, dass die Kommunikation in Tschechien etwas schwierig ist: Englisch scheint für die meisten TschechInnen eine Fremdsprache zu sein, wie Tschechisch für uns. Deshalb musste ich den Saal mit einigen Unklarheiten verlassen. Aber zumindest hatte ich die Startnummer.
Das Wetter lud am Dienstag eher für einen gemütlichen Nachmittag in der warmen Stube ein als nach draussen. Doch nachmittags durften wir die Strecke besichtigen und darauf trainieren – und sobald ich mich auf das Bike schwang, genoss ich die mystische Stimmung.
Die Strecke schlängelte sich durch einen dichten Tannenwald und war gespickt mit vielen Wurzeln, steilen Aufstiegen, Sprüngen und Rockgarden (steinige Passagen). Sie präsentierte sich als schlammig und rutschig, doch die Steine boten in den Aufstiegen noch erstaunlich viel Halt. Auf der nassen Strecke und im von Nebelschwaden durchzogenen, märchenhaften Wald zu fahren machte viel Spass ! Die Aufstiege waren sehr kräftezehrend, sodass der Puls bereits bei der Streckenbesichtigung in den roten Bereich kam.
Nach der nassen und kühlen Streckenbesichtigung erwartete uns, was nicht überraschend war, eine Warteschlange vor der Waschanlage für die Mountainbikes. Entsprechend freuten wir uns auf ein warmes Hotelzimmer. Leider vergebens: Die Heizung war aus, doch unsere Kleider nass und schmutzig. Das Hotelpersonal erklärte lakonisch, dass die Heizung erst in Betrieb gehe, wenn sie effektiv gebraucht würde. Am Mittwoch sprang sie dann allerdings plötzlich doch noch an. Vermutlich hatten die FahrerInnen der österreichischen Nationalmannschaft ebenfalls den Wunsch geäussert, dass es in den Zimmern etwas wärmer sein dürfte…
Nach einem weiteren Training auf der Strecke am Mittwoch stand am Donnerstag um 8.30h die erste Runde des Doppel-Weltcups in Nové Město na Moravě bei den U23 Frauen an. Rund 10min vor dem Start erlebte ich jedoch noch einen Schreckmoment: Beim Aufwärmen auf der Rolle bemerkte ich plötzlich, dass ich praktisch keine Luft mehr in meinem Vorderreifen hatte. Ob das Dichtemittel zuverlässig das Loch schliessen würde, liess sich in der kurzen Zeit nicht mehr feststellen. Die ausgeliehene Pumpe funktionierte nicht, also rannte mein Bruder los, um meine Pumpe zu holen. Etwas später kam Nicola Rohrbach von unserem Team noch mit seinem (Ersatz-)Rad angerannt (meine waren bereits auf dem Weg in die Techzone). Durch einen schnellen Wechsel der Bremsscheibe war das Rad dann auch für mein Bike funktionsfähig. Gleich darauf wurde ich aufgerufen, um mich beim Start aufzustellen. Das war Rettung in letzter Sekunde!
Der Weltcup in Nové Město na Moravě ist bekannt für die zahlreichen Zuschauer und die grossartige Stimmung. Wegen der durch COVID-19 bedingten Sicherheitsbestimmungen konnten wir diese dieses Jahr leider nicht erleben. Start- und Ziel befinden sich in der Biathlon-Arena, wo normalerweise viele Zuschauer auf der Tribüne sitzen; in diesem Jahr herrschte schon fast gespenstische Ruhe. Die Tribüne im Bereich eines Rockgardens wurde gar nicht erst aufgebaut. Schade, aber aufgrund der besonderen Lage verständlich. Dennoch ein grosses Dankeschön an die Organisatoren für die Durchführung dieses tollen Events unter diesen schwierigen Bedingungen!
Bei kühlen Temperaturen begaben wir uns nach dem Startsignal auf die rutschige Strecke. Wegen der hohen Startnummer musste ich weit hinten starten.
In der Startrunde konnte ich mich etwas nach vorne arbeiten. Doch bei einer zweispurigen Abfahrt und dem darauffolgenden zweispurigen Aufstieg erwischte ich die Spur, wo es jeweils mehr Stau gab. Dadurch verlor ich wieder einige Ränge und kam später erst recht in den Stau bei den technischen Passagen. So musste ich beispielsweise auch den Rockgarden “Rock’n’Roll” bei der ersten Durchfahrt zu Fuss zurücklegen, weniger im Stil von „Rock’n’Roll“…
Bei der ersten Durchfahrt des zweiten Rockgardens, namens “Mitas Choice” kamen zwei Fahrerinnen vor mir zu Fall, weshalb ich vom Bike musste und viel Tempo verlor. In den Aufstiegen musste man sehr sorgfältig fahren, um nicht auf den nassen Wurzeln auszurutschen. Doch bei den vielen Wurzeln gab es auch die eine oder andere Stelle, wo ich einmal ausrutschte oder ich nicht mehr reagieren konnte, wenn eine Fahrerin vor mir ins Rutschen kam . Der Rhythmus war dann zum Teil weg und es kostete viel Kraft, die Lücke wieder zu schliessen. Diese kurzen Unterbrechungen sowie die unruhige Strecke erschwerten das Finden des eigenen Rhythmus.
Im weiteren Verlauf des Rennens konnte ich jedoch noch weitere Fahrerinnen überholen und beendete das Rennen auf dem 31. Rang als viertbeste Schweizerin.
Am Freitag waren Erholung und Streckenbesichtigung angesagt. Die Strecke für Samstag sollte zwei gänzlich neue Abschnitte aufweisen. Auch der Zustand der Strecke hatte sich verändert: Nach den vier Rennen mit vielen Fahrerinnen und Fahrern befand sich mehr Dreck auf den Steinen, und die Wurzeln waren noch glitschiger, da sie mehr und mehr entrindet wurden.
Samstags um 13h starteten wir zur zweiten Runde des Doppel-Weltcups. Diesmal nahm ich mir – noch mehr als sonst – vor, dass ich mich bereits in der Startrunde nach vorne arbeiten möchte, um grösseren, zeitraubenden Staus zu entkommen. Dies gelang mir relativ gut; ich musste allerdings auch einige Körner liegen lassen für meinen Effort. In den technischen Abfahrten – ähnlich wie im Biathlon – war gleich nach einem steilen und harten Aufstieg Präzision und Konzentration gefragt: Ich legte mich zwar nicht an einem Schiessstand hin, sondern musste mich enorm auf die rutschigen Wurzeln und die richtige Linie im Rockgarden konzentrieren.
In der ersten Runde fuhr ich eine etwas falsche Linie im Rockgarden «Mitas Choice»; es hätte mich beinahe überstellt, da ich zu steil auf dem Boden aufkam. Ich büsste ein wenig für meinen anfänglichen Effort und verlor wenige Ränge. Auf der herausfordernden Strecke gab es kaum Erholungsmöglichkeiten: Die Aufstiege waren hart und durch die vielen Wurzeln ziemliche Rhythmus-Brecher.
Danach konnte ich jedoch drei konstante Rundenzeiten fahren und ein paar Fahrerinnen überholen. Die Strecke war im Vergleich zum Donnerstag zwar etwas abgetrocknet, doch sie wurde nicht einfacher: Die grosse Anzahl Rennen innert kurzer Zeit mit vielen Fahrerinnen und Fahrern “hinterliess Spuren”, an manchen Stellen war der Kurs ausgefahren oder mehr Dreck lag auf den Steinen, sodass sie rutschiger wurden. Vereinzelt kam doch etwas Stimmung am Streckenrand auf: Einige Tschechen und Tschechinnen haben sich an den Streckenrand “verirrt” und feuerten die FahrerInnen lautstark an. Allerdings erinnerte mich ihr Hopp-Ruf eher an eine Hühnerfarm, denn an einen Weltcup: “Put put put” hallte es durch den Fichtenwald. Wurde es besonders laut, wusste ich, dass die Fahrerin des tschechischen Nationalteams nicht mehr weit weg war.
In der letzten Runde konnte ich das Tempo nochmals etwas erhöhen, doch es reichte mir knapp nicht, das wenige Sekunden vor mir fahrenden Trio zu überholen. So überquerte ich die Ziellinie auf dem 28. Rang und verpasste die Top 25 um 36 Sekunden
Zum Glück konnte die stark verkürzte Weltcup-Saison in Tschechien noch durchgeführt werden. Denn einen Tag nach den letzten Elite-Rennen wurde der Notstand in Tschechien ausgerufen.
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