Die Wettervorhersage für Les Gets (FRA) ist nicht besonders vielversprechend: Fast jeden Tag sollen Gewitter mit teilweise viel Niederschlag über die Region Portes du Soleil ziehen. Bei der Streckenbesichtigung am Donnerstag ist die Strecke noch etwas feucht, von oben bleibe ich aber trocken. Etliche Rockgarden, Sprünge und Baumstämme wurden neu in die Strecke eingefügt, damit wir Athletinnen mehr gefordert werden. Aufgrund der vielen technischen Passagen benötige ich sehr viel Zeit, bis ich einen groben Überblick über die Dutzenden verschiedenen Fahrlinien habe.
Zwei Abschnitte stellen sich als „Schlüsselstellen“ heraus, und es bilden sich grössere Ansammlungen von Fahrerinnen um diese herum: Eine Kombination aus drei Rockgarden direkt hintereinander und bei einem grösseren Drop (Sprung), welcher einiges an Überwindung verlangte: Einerseits ist er für Cross-Country Verhältnisse relativ hoch, andererseits sieht man bei der Anfahrt nicht, wohin man springt – man springt also ins Leere. Auch ich machte dort einen längeren Halt und schaute mir diese Stellen genauer an. Schlussendlich fasste ich doch den Mut, den Drop zu springen. Ich nehme Anlauf, verlagere das Gewicht, springe – und lande. Der Sprung hat gut funktioniert, ich ging sogar fast zu weit hinter den Sattel und berührte das Hinterrad kurz.
Nun ist es also an der Zeit, die verschiedene Linien zu verinnerlichen und allenfalls zu optimieren. Beim Drop stoppe ich dann nochmals kurz, bin ich mir doch nicht mehr ganz sicher, wo ich hinspringen muss, denn von oben gesehen springe ich ins Leere, und bei der Landung gibt es mehrere Wurzeln. Nachdem ich mich vergewissert habe, wo der Absprung und wo die Landung erfolgen sollen, starte ich einen zweiten Versuch: In der Luft realisiere ich jedoch, dass ich einen Fehler gemacht habe, kann diesen aber nicht mehr korrigieren. Das Vorderrad verliert zu schnell an Höhe und ich stürze mit dem Kopf bzw. dem Gesicht voran auf den Boden und überschlage mich. Mit einem Mund voller Dreck richte ich mich wieder auf und möchte weiterfahren. Zuerst muss ich aber den Lenker wieder richten, welchen es verdreht hat. Die Schmerzen am Kiefer, Ellenbogen und am Oberschenkel werden schnell stärker, weshalb ich die Streckenbesichtigung sogleich beende. Beim Auto angekommen, kann ich kaum mehr eine Pedalumdrehung machen. Ich habe Angst, dass etwas gebrochen oder gerissen sein könnte und möchte dies kurz bei der Sanität checken lassen. Doch in Les Gets ist weit und breit keine Sanität o.ä. in Sicht. Nach einem Irrlauf via diverse Funktionäre etc. teilt man mir mit, dass ich mich noch etwas gedulden müsse, es würde bald jemand vorbeikommen. Eine Viertelstunde später tauchen tatsächlich zwei Leute auf: Sie machen Blutdruck, -zucker, Sauerstoffsättigungsmessungen etc. Doch ob ich beim Sturz eine Gehirnerschütterung (zurück im Hotel stelle ich fest, dass der Helm gebrochen ist) oder einen Bruch erlitten habe, wird nicht überprüft. Also entscheide ich mich dazu, abzuwarten und zu beobachten, wie sich die Schmerzen entwickeln.
Mein Bruder kauft in der nächsten Apotheke Coldpacks, um die schmerzenden Stellen zu kühlen. Nun ist erholen und kühlen angesagt. Ich hoffe fest, dass ich nach dem Heimweltcup 2019 nicht schon wieder ein Weltcup aufgrund einer Verletzung verpasse! Apropos Bruder: Dieser ist glücklich, dass er mich dieses Jahr an einem Weltcup in Frankreich begleiten kann, nachdem er beim Morgenbuffet in Tschechien nicht so auf seine Kosten gekommen ist – so mag er die Croissants und die Pain au Chocolat doch lieber als die tschechischen Verwandten 😉.
Meine Blessuren fühlen sich am Freitag nicht viel besser an. Dennoch wage ich mich kurz für eine lockere Runde auf mein Bike, damit ich testen kann, ob es mit einem Start am Sonntag doch noch klappen könnte. Ich muss feststellen, dass ich aufgrund der Prellungen und Schmerzen kaum im Stehen bzw. Wiegetritt fahren kann – an Sprints ist daher nicht zu denken. Aber vielleicht könnte ich die paar Sekunden Zeitverlust in Kauf nehmen, wenn ich dafür trotzdem starten könnte und einfach sitzend fahren muss? Zum Glück habe ich noch zwei Tage, um mich von meinen Blessuren erholen zu können.
Samstags geht es bereits etwas besser: Ich fahre ein paar Runden auf der Strecke, um herauszufinden, ob ich nach meinem Sturz bereits wieder Weltcup-tauglich bin. Zusammen mit anderen Schweizer Fahrerinnen schauen wir die Strecke an und erhalten wichtige Inputs für die Linienwahl von National-Coach Edi Telser. Wir probieren nochmals verschiedene Varianten aus. Abschliessend drehe ich eine letzte Runde auf der Strecke, um mir den Feinschliff für die ausgewählten Linien zu holen.
Bereits am Samstagnachmittag beginnt es – teilweise intensiv – zu regnen. Beim Schauen des Downhill-Rennens, bei welchem sich die Strecke von trockenen Verhältnissen in ein Schlammbad verwandelt, entscheide ich mich dazu, nochmals die Reifen zu wechseln – wie sich später herausstellt, der richtige Entscheid.
Der Regen setzte bereits vor dem Start ein, weshalb ich es vorziehe, auf der Rolle einzufahren und nicht bereits total durchnässt an den Start zu gehen. Mein Aufwärm-Prozedere bleibt aber nicht unbemerkt, so stehen schon bald mehrere Personen um mich herum und zücken ihre Handys.
Ich konzentriere mich aber auf mich und auf mein “Warm Up”. Denn bald geht es mit dem vierten Weltcup dieser Saison los.
Am Sonntag um 12.20h wechseln die Lichter von rot auf grün und wir sprinten den ersten Aufstieg hoch. Zu Beginn muss ich stürzenden Fahrerinnen ausweichen, kann mich gegen Ende des Anstiegs aber weiter nach vorne arbeiten.
Durch den unablässig herunterprasselnden Regen wird die Strecke rutschiger und rutschiger. In der ersten steilen Abfahrt (der Drop wurde aufgrund der Bedingungen gesperrt) muss ich vom Bike, nachdem vor mir wild Pirouetten gedreht werden und die meisten zu Fuss unterwegs sind. Doch mit einem Fuss rutsche ich aus, kann mich zwar noch fangen, aber mein lädierter Oberschenkel erleidet einen Schlag, weshalb die Schmerzen danach noch stärker werden und bei jeder Pedal-Umdrehung spürbar sind.
Da die Strecke bei der Streckenbesichtigung trocken war und sich nun aber in ein Schlammbad verwandelt hat, muss ich in der ersten Runde herausfinden, wo ich am besten durchfahren kann. Auf den Wiesenabschnitten sucht man auf den Linien, welche bereits von den U23-Frauen und U23-Herren befahren wurden, vergebens Halt. Der (fehlende) Grip bestimmt also meine neue Linien-“Wahl”.
Von Runde zu Runde bewältige ich die Abfahrten schneller und fühle mich mit der Zeit bei diesen Bedingungen, welche Fahrerin und Bike fordert, auf der Strecke pudelwohl. Die Rutschpartie beende ich etwas durchnässt auf dem 50. Rang – mein bestes Weltcup-Resultat bei der Elite Frauen 😊!
Vielen herzlichen Dank an Swiss Cycling und an Edi Telser für die Tipps und die Möglichkeit, weitere Erfahrungen im Weltcup sammeln zu können!
Die nun anstehende Rennpause bis Anfangs August werde ich für einen weiteren Trainingsblock nutzen, bei hoffentlich nicht nur regnerischen Bedingungen.
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