Am Mittwoch reise ich nach München – meine erste Europameisterschaft steht vor der Tür! Etwas nervös bin ich schon: Erstmals hause ich mit den grossen Namen des Schweizer Mountainbike-Sports und werde mich mit ihnen auf die EM vorbereiten. Die Vorfreude ist riesig, doch es gibt für mich auch noch viele Fragezeichen bei der Organisation. Darf ich mich beispielsweise auch von der Physio behandeln lassen? So war ich noch nie mit Swiss Cycling an einem Wettkampf und schon gar nicht an einem Grossanlass. Wir haben zwar gewisse Eckpunkte und -daten erhalten und weitere Infos gibt es sicherlich vor Ort, doch ich kenne die Gegebenheiten vor Ort nicht genau. Im Navi habe ich den Standort des Mechaniker-Parkplatzes angegeben. Ich finde ihn auf Anhieb. Beim Eingang zum Parkplatz wartet eine Aufsichtsperson. Als ich erkläre, dass ich kurz zum Swiss Cycling Zelt muss, darf ich zum Parkplatz weiterfahren. Dort sind gerade weitere Fahrerinnen angekommen.
Nachdem ich ein Bike und einen Ersatzradsatz bei den Mechanikern abgegeben habe, fahre ich zur Unterkunft. Das Hotel finde ich, doch der Parkplatz ist etwas versteckt und da eine Barriere vorhanden ist, bin ich mir nicht sicher, ob dies der richtige ist, weshalb ich zuerst daran vorbeifahre und später wenden muss. Beim Hotel angekommen melde ich mich bei der Rezeption. Nachdem mein Name unter den Schlüssel-Karten nicht zu finden ist, streckt mir der Herr eine Liste entgegen und fragt mich, ob ich meinen Namen sehe. Als ich seine Frage mit ja beantworte, erklärt er mir, dass schon jemand den ersten Schlüssel abgeholt hat, er gäbe mir gleich einen zweiten. Noch bleibt etwas Zeit, um sich im Zimmer einzurichten, bis Nachtessens-Zeit ist.
Beim Nachtessen sehe ich dann erstmals alle FahrerInnen und die meisten Stuff-Mitglieder.
Am nächsten Tag geht es erstmals in den Olympiapark von München und zur Streckenbesichtigung. Da es European Championships sind, d.h. es finden die Europameisterschaften verschiedener Sportarten innerhalb desselben Events statt, wurde das Hotel Swiss Cycling zugeteilt. Das Hotel befindet sich rund dreissig Auto-Fahrminuten vom Renngelände entfernt, was die Logistik etwas verkompliziert. Dafür dürfen wir mit einem grossen Bus, welcher normalerweise mit Strassenteams auf Tour ist, zum Olympiapark fahren. Dieser enthält nebst Küche, rund 3 Duschen und WC auch noch eine Art Lounge – ein fahrendes Hotel! Beim Olympiapark angekommen wird der Bus von einem Mechaniker abgeholt, welcher dem Chauffeur mit dem Bike den Weg zum Team-Platz weist. Dort nehme ich das Bike in Empfang, welches bereits für die Streckenbesichtigung bereitgemacht wurde. Gemeinsam machen wir Frauen uns auf, um die Strecke kennenzulernen. Gleich nach dem Start führt die Strecke einem See entlang. Der See ist sozusagen die Abgrenzung der Strecke. Wir machen Sprüche: Wer wohl beim Start im See baden geht? Sobald die Strecke vom See wegführt, markieren rote Büschel die Streckenbegrenzung. Die Zuschauer und die Schafe – eh uns – trennt ein Schafzaun. Bei trockenen Bedingungen enthält die Strecke nicht viele besonders technische Abschnitte, dafür ist sie aber relativ kurvig. Grösstenteils verläuft die Strecke über Wiesen. Nebst Mergel-Abschnitten wurden auch ein paar sandkastenähnliche Hindernisse eingebaut: Mergel-Kästen mit Baumstämmen und Steinen oder Bierfässern. Im Voraus habe ich u.a. in den sozialen Medien schon gesehen, dass die Strecke auch Rockgarden (Steingärten) enthält. Im Wassergraben sind die Steine etwas lose und bleiben nicht genau an Ort und Stelle, was das Platten-Risiko beim Rennen erhöht, wenn durchs Wasser resp. über die Steine gefahren wird. Allerdings wurde dieser Wassergraben und Rockgarden so gebaut, dass er auch übersprungen werden kann. Nur wird es bei unserem Rennen vermutlich schlammig und somit das Tempo nicht so hoch sein. Deshalb bräuchte es viel zusätzliche Energie, um genügend weit zu springen. Ob dies sinnvoll ist? Denn danach kommt gleich ein Serpentinen-Aufstieg.
Als wir von der Streckenbesichtigung zum Bus zurückkommen, wartet bereits leckeres Essen auf uns. Nachdem die Energiespeicher wieder etwas gefüllt wurden, geht es wieder zurück ins Hotel. Dort darf ich mich sogleich in der Physio verwöhnen lassen.
Das Nachtessen vom Hotel ist immer etwas undefinierbar. Verschiedene Gerichte stehen jeweils für uns bereit. Wir können uns schöpfen, was wir wollen. Es ist wie in einer Kantine. Allerdings scheint mein Magen etwas nicht wie gewünscht zu ertragen, weshalb es für mich nur noch Teigwaren ohne Extras gibt. Nicht ohne Grund weiss ich jeweils vor den Rennen gerne, was ich genau esse und bin nicht experimentierfreudig, wenn es darum geht, neue Gerichte auszuprobieren…
Am Freitag geht es nochmals auf die Strecke. Unterdessen hat sich das Wetter etwas geändert. Es regnet immer wieder. Nun ist das Gras etwas nass, doch die Mergel-Passagen absorbieren den Regen – noch. Trotzdem werden die «Sandkästen» bei nassen Bedingungen teilweise etwas schwieriger zu fahren: Die Kreuz und quer liegenden Baumstämme sind unterdessen ziemlich rutschig. Mit der Zeit beginnt es mehr zu regnen. Ich fahre eine Runde etwas schneller. Gleich nach dem Start gibt es eine Rechtskurve und wir biegen auf einen Teer-Abschnitt ab. Ich überlege mir noch, wie schnell diese Kurve bei Regen wohl gefahren werden kann. Ich hole weit aus, um eine möglichst runde Kurve zu fahren. Dann merke ich, wie das Vorderrad zu rutschen beginnt und höre, wie der Reifen auf dem nassen Teer wegrutscht. Ich sehe mich schon in den Absperrgittern. Ganz knapp kann ich mich aber noch retten und einen Sturz verhindern. Etwas später, im kurzen Waldabschnitt, entscheide ich mich für die zweite Linie, welche häufig unentdeckt bleibt, weil sie etwas versteckt ist. Ich setze zur Kurve an. Doch irgendwie scheine ich den rutschigen Untergrund oder das Einbiegen in diese Linie etwas unterschätzt zu haben. Ich rutsche auf dem steinigen Waldweg weg und ich gehe zu Boden. Vlt. ist die andere Linie bei Renntempo also doch etwas schlauer… Inzwischen sind die Mergel-Kästen schon etwas schmieriger geworden.
Am Nachmittag gilt es zu entspannen. Etwas ungewohnt, weil ich normalerweise das Bike und alles andere fürs Rennen bereitmachen muss. Doch diesmal sorgen sich die Mechaniker von Swiss Cycling um mein Bike. Auch wenn ich volles Vertrauen in sie habe und sie ganz bestimmt mehr vom Schrauben verstehen als ich, bin ich etwas nervös, ob alles funktionieren wird – hatte ich doch noch nie diesen Luxus und bin nicht geübt darin – vlt. habe ich ihnen etwas Wichtiges vergessen mitzuteilen, das sie für die Vorbereitung hätten wissen müssen und für mich selbstverständlich ist? Ich überlege mir, ob ich eine Kettenführung, welche die Kette auf dem Kettenblatt hält, montieren lassen soll und wäge Vorteile und Risiken ab. Komme aber zum Schluss, dass ich ohne fahren werde, da ich noch nie mit dieser gefahren bin und ich sie nicht im Rennen testen möchte. Zudem kann es bei Kettenführungen und Schlamm ebenfalls Probleme geben. Spätestens als es an der Tür klopft, bin ich wieder hellwach. Es ist aber nur jemand vom Hotel-Personal. Um 17h schauen wir im Zimmer das Cross-Country Rennen der Herren. Es wurden zwar heftige Niederschläge gemeldet, doch nun scheint die Sonne.
Nach dem Nachtessen wird alles für den morgigen Tag besprochen. Es gibt noch Tipps und die Taktiken werden diskutiert. Anschliessend erhalte ich vor dem Schlafengehen noch eine Massage, damit ich morgen möglichst erholt in mein erstes EM-Rennen starten kann.
Es ist Samstag und mein erstes Europameisterschafts-Rennen steht bevor! Ich bringe das Material in den Bus und teile dem Stuff mit, dass ich noch kurz meine Rolle hole, damit ich sicher eine dabei habe, wo mein Bike draufpasst. Als ich wieder Richtung Bus laufe, fängt jemand wie wild an mit den Armen zu fuchteln und ich sehe, wie der Bus bereits die Türen geschlossen hat und Richtung Strasse losfahren möchte. Doch sie realisieren zum Glück noch, dass zwar meine Tasche im Bus ist, jedoch die zugehörige Fahrerin fehlt. Etwas früher als geplant fährt der Bus – glücklicherweise auch mit mir an Bord – zum Olympiapark. Alle Fahrerinnen montieren ihre Rückennummern. Als wir ankommen, bringe ich noch weiteres Material für die Techzone zum Mechaniker und bereite mich im Bus fertig vor. Ich möchte kurz testen, ob mein Bike auf die Rolle von Swiss Cycling passt, und als ich aus dem Bus steige, stehen mehrere Schweizer PolitikerInnen vor dem Bus. Ich habe mich zuerst gar nicht geachtet, was es für eine Menschenansammlung ist, da alle mit dem Rücken zu mir standen. Doch schon bald werde ich entdeckt und sie wenden sich mir zu. Da höre ich plötzlich eine mir bekannte Stimme. Maya Graf grüsst mich freudig – wie schön, sie bei meiner ersten EM dabeizuhaben – und möchte noch ein Selfie von mir, bevor ich mich meinen letzten Vorbereitungen widme. Bereit fürs Warm Up komme ich aus dem Bus und hole mein Bike, um mich auf der Rolle warm zu fahren. Während dem Einfahren auf der Rolle gibt mir Kathrin Stirnemann noch die letzten Tipps und Inputs zur Linienwahl, nachdem nun der Regen die Strecke bereits deutlich verändert hat. Der Rockgarden in der Abfahrt wurde rausgenommen.
Nach dem Beenden des Aufwärmprogramms mache ich mich auf zum Start-/Zielbereich. Schnell werde ich nass und spätestens, als ich über den blauen «Teppich» bei Start/Ziel fahre, sind meine Hosen komplett durchnässt. Wenigstens habe ich noch eine Regenjacke an. In den Call Up Boxen finde ich dann noch etwas Schutz unter einem Schirm, welcher ein Betreuer von Swiss Cycling verdankenswerter Weise über mich hält.
Bald geht es los mit dem Rennen. Fahrerinnen aus achtzehn Nationen sind am Start. Eine Startrunde und sieben ganze Runden sind zu absolvieren. Nach dem Startschuss versuche ich Positionen gutzumachen, möchte aber nicht zu viel riskieren in der ersten nassen und sehr rutschigen Teer-Kurve. Ich sehe meine Chance, meine Position zu verbessern, etwas später in der Startrunde. Doch die paar Kurven vor dem Grasaufstieg ziehen das Feld bereits in die Länge – Überholmanöver werden schwierig, insbesondere bei diesen Bedingungen. Ich kann zwar ein paar Fahrerinnen überholen, doch die Menge ist es nicht. Ich arbeite mich aber langsam etwas weiter nach vorne.
Beim ersten Mergel-Kasten gibt es bereits Stau und ich muss erstmals rennen. Die gebauten Sektionen aus Mergel sind sehr rutschig. Es ist eine ziemliche Rutschpartie. Auf dem Gras wäre der Halt teilweise besser als auf den Mergel-Passagen. Gewisse Abschnitte lege ich zu Fuss zurück, weil es kraftsparender ist, anstatt an Ort und Stelle zu pedalieren – um dann nur bei einem kleinen Fehler das Bike sowieso schieben zu müssen. Das Cross-Country Rennen ähnelt ein wenig einem Radquerrennen. Bei der zweiten Runde beim Serpentinen-Aufstieg fällt mir die Kette vorne vom Kettenblatt, zu viel Schlamm haftet an der Kette. Ich versuche sie wieder aufzulegen. Doch nach einer viertel Umdrehung fällt sie wieder runter. Ich versuche es nochmals. Als sie wieder runterfällt, renne ich zur Tech-Zone, wo die Betreuer die Kette vom Schlamm zu befreien versuchen.
In der nächsten Runde wiederholt sich das Szenario. Zudem verklemmt sich auch noch der Wechsler in der Kassette. Diesen kann ich zwar wieder eigenhändig befreien, doch da zu viel Schlamm an der Kette ist und sie nicht mehr auf dem Kettenblatt bleibt, habe ich keine andere Wahl als wieder zur Tech-Zone zu rennen. Ende der dritten Runde, bei der 80%-Regel-Tafel ist dann Schluss: Ich werde aus dem Rennen genommen. Zu viel Zeit habe ich unterdessen gegenüber der Spitze verloren.
Frustriert und enttäuscht fahre ich etwas aus. Ich schaue nochmals kurz beim Rennen vorbei. Langsam bekomme ich etwas kalt und fahre zum Bus zurück. Dort steht bereits ein Kessel mit Wasser und Schwämmen bereit, damit wir uns den gröbsten Schlamm vor dem Betreten des Busses abwaschen können. Ich bin mir zwar etwas unsicher, ob ich alles richtig mache resp. ob es so gedacht ist…
Sobald ich etwas sauberer bin, wage ich mich in den Bus zu steigen und mich zu duschen. Sogar Vorhänge und Schiebetüren hat es, damit wir ungestört duschen können, während in der Küche für uns etwas zu Essen vorbereitet wird! Steckdosen, um die Haare zu föhnen, hat es auch, was bei diesen Temperaturen und Wetterbedingungen super ist.
Nachdem alle Fahrerinnen zurückgekehrt und geduscht sind, fährt der Bus wieder zurück ins Hotel. Ich lade meine Bikes auf den Veloträger und verstaue das restliche Material im Auto, bevor ich meinen Bruder beim Olympiapark abhole. Er ist extra nach München gereist, um bei meinem ersten Grossanlass dabei zu sein und mich nach Hause zu chauffieren – herzlichen Dank! Denn morgen steht in Basel, mit meinem Heimrennen, dem Bikefestival Basel, bereits das nächste Higlight auf dem Programm – mit der Mission Verteidigung des Swiss-Bike-Cup-Leader-Trikots.
Ich bin zutiefst enttäuscht über meine Performance an der EM. Vlt. hätte ich eine Kettenführung montieren sollen, möglicherweise hätte ich dann keine Probleme gehabt. Womöglich hätte es aber die Kette verklemmt oder die Kette wäre zwar nicht runtergefallen, aber hätte nicht mehr auf dem Kettenblatt gehalten und wäre durchgerutscht… Ich lerne immer noch jeden Tag dazu, leider diesmal auf harte Art und Weise…
Die Enttäuschung ist also riesig. Auch wenn ich mir zuvor nie hätte erträumen lassen, dass ich einmal an Europameisterschaften starten werde. Doch das Resultat widerspiegelt nicht den Durchschnitt meiner Leistungen, die ich sonst diese Saison bisher erbracht habe… Swiss Cycling hat mir mit der Selektion ein grosses Vertrauen geschenkt, welchem ich aber mit meiner Leistung im EM-Rennen nicht gerecht werden konnte. Trotzdem konnte ich aber sehr viele Erfahrungen sammeln und werde die Eindrücke und das tolle Erlebnis nicht so schnell vergessen. Vielen herzlichen Dank an Swiss Cycling für diese spannende Zeit und die super Betreuung! Noch nie hatte ich einen solchen Service!
Ich werde engagiert dafür arbeiten, dass es hoffentlich nicht meine letzten Europameisterschaften bleiben…
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